Hundertwasser Ausstellung II in Lindau – Originalgrafiken, Kritik und architektonische Perspektive

Published on 16 June 2026 at 12:00

Ein persönlicher Blick auf Originalgrafiken, KI-Experimente und architektonische Grenzen

Hundertwasser zieht – mit seinen leuchtenden Farben, schiefen Häusern und dichten Bildwelten. Die zweite Hundertwasser Ausstellung in Lindau verspricht genau das: mehr Originalgrafiken, mehr Experimente, mehr Vielfalt. Doch wie wirkt das, wenn man nicht nur als Besucher, sondern auch mit dem Blick eines Architekten durch die Räume geht? In diesem Beitrag zeige ich, warum die Ausstellung trotzdem sehenswert ist, wo KI und Lichtführung deutlich hinter den Bildern zurückbleiben – und weshalb Hundertwasser als Künstler überzeugt, als architektonische Referenz aber kritisch gesehen werden sollte.

Hundertwasser zieht – mit seinen leuchtenden Farben, schiefen Häusern und dichten Bildwelten. Die zweite Hundertwasser Ausstellung in Lindau verspricht genau das: mehr Originalgrafiken, mehr Experimente, mehr Vielfalt. Doch wie wirkt das, wenn man nicht nur als Besucher, sondern auch mit dem Blick eines Architekten durch die Räume geht? In diesem Beitrag zeige ich, warum die Ausstellung trotzdem sehenswert ist, wo KI und Lichtführung deutlich hinter den Bildern zurückbleiben – und weshalb Hundertwasser als Künstler überzeugt, als architektonische Referenz aber kritisch gesehen werden sollte.

Die Kunst der Vielfalt – Die Geheimnisse der Originalgrafik

Nachdem ich bereits den ersten Teil der Hundertwasser Ausstellung in Lindau besucht hatte, war klar: Den zweiten Teil lasse ich mir nicht entgehen. Teil II setzt nicht einfach nur fort, was bereits gezeigt wurde, sondern erweitert das Bild – im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht stärker in die Tiefe der Originalgrafik, in die Drucktechniken und in die Frage, wie aus einem Motiv eine ganze Serie von Variationen werden kann.

Mit rund zwanzig Fotos aus beiden Ausstellungsteilen versuche ich in diesem Beitrag nicht nur die Werke selbst zu zeigen, sondern auch die Räume, in denen sie hängen, und die Art, wie sie präsentiert werden. Gerade bei Hundertwasser merkt man, wie sehr Farbe, Form, Material, Licht und Ausstellungsgestaltung miteinander verwoben sind. Ein Blatt bleibt nie nur ein Blatt – es wird zum Objekt, zum Fenster in eine andere Logik von Stadt und Natur.

Olympische Spiele München 1972 – Kunst, Drucktechnik und Auflagenlogik

Ein eigener Schwerpunkt der Ausstellung sind die Grafiken zu den Olympischen Spielen in München 1972. Hundertwassers Olympia-Blätter sind längst mehr als bloße Plakate: Sie markieren einen Punkt, an dem Kunst, Grafikdesign, Massenkommunikation und Ökonomie ineinander greifen. Im Ausstellungsraum in Lindau hängen mehrere Varianten dieses Motivs nebeneinander – mal dominiert Grün, mal Blau, mal Orange –, und man spürt sehr deutlich, wie stark Hundertwasser mit der Serigrafie als serielles Medium gearbeitet hat. Unikate als Massenware. Exklusivität zum erschwinglichen Preis.

Technisch sind diese Blätter alles andere als einfache Drucke. Jede Farbe bedeutet einen eigenen Siebdruckgang, jede Metallprägung einen zusätzlichen Arbeitsschritt. Statt eines „Posters“ hat man es mit einem hochaufwendigen, handwerklich präzisen Produkt zu tun. Gleichzeitig wird genau über dieses Verfahren eine enorme Vervielfachung möglich: Aus einem Motiv werden hunderte, teilweise tausende Blätter, nummeriert, signiert, verteilt zwischen Sammler:innen, Institutionen, privaten Wohnzimmern und Museumsdepots. Grafik ist hier nicht die arme Verwandte der Malerei, sondern ein bewusst gewähltes Medium der Multiplikation.

Spannend wird es dort, wo sich diese technologische und ökonomische Logik mit der sozialen Realität trifft. Ein Beispiel, das mir aus der Wiener Szene besonders im Kopf geblieben ist, betrifft den Bildhauer Fritz Wotruba und eine frühe Grafikmappe: Wotruba spendete damals 100 Schilling – eine Summe, die für viele nicht selbstverständlich war –, nahm die Mappe aber nicht mit. Er unterstützte damit das Projekt, ohne sich den „Mehrwert“ in Form eines Objekts zu sichern. Man könnte sagen: eine Geste zwischen Kollegialität, Skepsis und einem gewissen Misstrauen gegenüber der Idee, Kunst durch Auflagen zu vervielfältigen. Dies waren Hundertwassers einzige Einnahmen mit der Kunstmappe.

Gerade im Kontext der Olympiagrafiken zeigt sich, wie sehr Hundertwassers Werk von dieser Spannung lebt. Einerseits nutzt er das Medium Druck konsequent, um seine Bilder zu verbreiten und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Andererseits bleiben die Blätter individuelle Objekte, mit sichtbaren Druckspuren, minimalen Abweichungen, handschriftlichen Ergänzungen.

Die Lindauer Ausstellung macht diesen Widerspruch sichtbar: Zwischen Kunstwerk und Produkt, zwischen Einzelstück und industriell herstellbarem Artefakt. Aus architektonischer Sicht erinnert mich das daran, wie schnell aus einer originellen Idee ein Massenprodukt werden kann – und wie wichtig es ist, die ursprüngliche Intention im Blick zu behalten, bevor man sie zur Referenz erhebt.

Quelle - Bilder: ARCHITECTURE RADICAL - Pomberger