Apocalyptic "Sausage Bar"

Orientierung Studio I.SD – Uni Innsbruck, 2015/2016

Projekt-Snapshot

  • Titel: „Imbissbude im Steilhang“

  • Lehrveranstaltung: Orientierung – Studio I.SD

  • Betreuung: Verena Troi, Leitung: Prof. Christina Schinegger, Prof. Steffan Rutzinger

  • Ort: Franzensfeste, Südtirol – Unterburg / Staumauer

  • Zeit: Wintersemester, Abgabe am 25.01.2016

  • Umfang: 10 ECTS, ca. 4 Wochen intensiver Entwurfs- und Modellbau

Auf dem Papier klang es harmlos

 

„Erstellen Sie eine Imbissbude (ein Objekt) auf dem von Ihnen ausgesuchten Grundstück auf unserer Übungsfläche an der Unterburg der Franzensfeste in Südtirol. Definieren Sie einen Weg von A nach B und platzieren Sie Ihre Hütte entlang dieses Wegs. Entwickeln Sie eine Story und ein Storyboard, das Gebäude und Überlegungen einschließt.“

Erste große Feuertaufe - find your place

Einführung in „konzeptionelle und methodische Aspekte der Architektur“ – so steht es im Skript. Skizzen, Modellbau, Planzeichnung, digitale Methoden.


In der Praxis war es: Die 1. große Feuertaufe.

  • 14 Fächer im ersten Semester

  • 60-Stunden-Wochen an der UNI keine Ausnahme

  • 3–5 Prüfungsversuche pro Fach – wer fällt, fällt erstmal richtig

Für die Betreuenden der erste Blick: Wer kann was?
Für mich als Nicht-Akademiker im ersten Studium mit 32: Alles oder nichts.

Franzensfeste 2050: Apokalypse am Staudamm

Die Übungsfläche war um die Franzensfeste in Südtirol gerastert.
Alle suchten sich Stücke rund um die Festung – ich nahm das Tal. Den Staudamm. Die Kante. Den Steilhang.
WENN DANN RADICAL -

Das Setting, das ich daraus gemacht habe:

  • Zeit: 2050, nach der Katastrophe

  • Ort: eine dystopische Landschaft rund um die Staumauer

  • Stimmung: Eisschelf bricht, Wasserstände kippen, Infrastruktur bröckelt

In dieser Welt braucht es immer noch Versorgungspunkte. Orte, wo Menschen ankommen, nachdenken, essen, weitergehen. Also: eine Imbissbude. Aber nicht auf der netten Aussichtsterrasse. Sondern im Steilhang, in der Zone zwischen Sicherheit und Abgrund.

Meine Lage damals – Rohkeller, i3-Rechner, viel Stille

Parallel zum Projekt:

  • Umzug von Hallerstraße 112 (300qm Halle -1200qm Grundstück) nach Hallerstraße 106 (43qm Wohnung mit 20qm Keller)

  • Wohnen mit Rohkeller – kalt, roh, null Komfort

  • Kein Nebenjob, finanziell: eher knapp bei Kassa

  • Rechner: ein i3 von 2015, 499 Euro, am Limit

  • Von Familie und Umfeld: Funkstille

Körperlich top, gerade aus einer Stahlbau- und Trainingsphase, mental: aufgeladen.
Genau die Mischung, in der man beschließt: „Jetzt erst recht. Ich baller alles Können in dieses Projekt.“

Der Hang als Gegner – Eisschelf-Strategie statt nettem Aussichtsbalkon

Das größte Problem war nicht „wie zeichne ich eine Hütte“.
Es war: Wie bringe ich eine apokalyptische Story, einen Steilhang und eine funktionierende Architektur in EIN System?

Meine Antwort darauf:
Ich habe mit einer Eisschelf-Strategie gearbeitet:

  • Der Hang wird zur abbrechenden Kante

  • Architektur lagert sich wie gefrorene Platten an

  • Wege, Stege und Gebäude schneiden sich durch diese Eismassen

  • Die Imbissbude ist kein „Kiosk“, sondern ein Knotenpunkt im System – kurz vor dem Abriss der Welt

Das Storyboard erzählt diesen Ablauf:
Ankunft – Orientierung – Aufenthalt – Katastrophe – Weiterziehen.

Entwurfsidee – Goldener Schnitt im Ausnahmezustand

Die Grundstruktur folgt dem Goldenen Schnitt – nicht als Zitat, sondern als inneres Maß.
Der Mensch - die Frau - das Gebären als Masstab für ein Gebäude welches Leben hervorbringt und den Tod würdigt.
Gebäude, Gänge und Objekte wurden in Proportionen von Φ (phi) gegossen, geschnitten, gesetzt.

Zwei Sätze tragen den Kern des Projekts:

Leben und Sterben ist wie der Goldene Schnitt – ein endloser Zyklus, der die Welt im Wachstum zersetzt.
Architektur ist gefrorene Musik – Musik ist im Fluss befindliche Mathematik.

Die Imbissbude im Steilhang ist damit weniger „Kiosk“ und mehr Momentaufnahme eines Prozesses:
Ein Bauwerk, das gleichzeitig Wachstume und Zerfall zeigt.

Prozess – 4 Wochen Keller, Epoxid-Katastrophen und Brandblasen

Realistisch geflossen sind:

  • Rund 4 Wochen, fast täglich 2–5 Stunden im Keller

  • Parallel dazu der ganz normale 40h-Wochen-Uni-Wahnsinn

Techniken & Skills:

  • Schweißen, Biegen, Trennen, Löten

  • 3D-Guss mit Epoxidharz

  • Positiv-/Negativmodell des Tals aus Finnpappe

  • Storyboard-Zeichnungen, Schwarzplan, Ortsplan, Schnitte

Pannen & Schmerzen (Auszug):

  • Das Grundgerüst aus Metall dreimal neu geschweißt – ständig verzogen, ständig gebrochen

  • 330 Seiten Schnittmuster 3–5 Mal gedruckt und wieder verschnitten

  • Das Gebäudemodell viermal neu gebaut

  • Verbindungstunnel 2–3 Mal neu geschmiedet

  • Ein Epoxidharz-Guss mit über 20 kg Gewicht ist mir mehrfach aus der Form gelaufen und hat den Küchenboden der Mietwohnung überzogen – 7 Tage vor Abgabe

  • Abgerissene Bohrer, verbrannte Finnpappe

  • Unzählige Fingerschnitte, Brandblasen vom Schleifen und Schweißen

  • Zwei Wochen lang: Schreiben, Umschreiben, Neu-Erfinden der Story und des Storyboards

Das war keine romantische „ich bastel mal ein Modell“-Phase.
Das war Handwerk, Beharrlichkeit und der sture Wille, das Ding über die Ziellinie zu schleifen.

Endkritik – Zu viel Metall, zu wenig Verständnis

In der Endkritik prallten Welten aufeinander.

Ich war 32, mit einem anderen biografischen Rucksack als viele Kommiliton:innen, die direkt von der Matura ins Studium gerutscht sind.
Ich hatte bereits eine andere Tiefe in Symbolik, Mathematik und Mystik im Kopf – nach über 30 gelesenen Büchern zu Phi, Pyramiden, Symbolen, Architektur, Kunst u Design.

Die Rückmeldung war ambivalent:

  • Die Kommiliton:innen: oft selbst jenseits der Belastungsgrenze, aber interessiert

  • Von Lehrendenseite gab es eine inoffizielle Klatsche:
    Das Grundgerüst aus Metall wurde hinterfragt – ob ich denn eine Ahnung hätte, was diese Art von Struktur „bedeuten“ würde

Die Ironie: Genau darüber hatte ich ziemlich viel nachgedacht.
Das Projekt war für mich ein erster Test, wie viel Tiefe man in einem Studienprojekt überhaupt unterbringen kann, bevor es „zu viel“ wird.

Was ich heute anders machen würde – und was genau nicht

Am Entwurf selbst würde ich nichts ändern.
Die Imbissbude - Lebend Sterben / Sterbendes Leben erschaffen - im Steilhang funktioniert für mich nach wie vor als Manifest:

  • Topografie ernst nehmen

  • Katastrophen mitdenken

  • Proportion und Symbolik nicht dem Zufall überlassen

Was ich heute anders angehen würde:

  • Präzisere, detailliertere Pläne

  • Sauber durchmodelliertes 3D-Modell

  • Grafische Aufbereitung als eigenständige Bildserie

  • Ein Kurzvideo, das die Katastrophe und den Zerfall inszeniert

Kurz: Die Geschichte ist stimmig. Die Darstellung würde ich heute gnadenlos schärfen.


Architecture Radical – Hänge, Kanten, doppelt gekrümmte Ebenen

Ich lebe und arbeite im Bergland.
Fast jede reale Baustelle hat mit Hängen zu tun: zu steil, zu schräg, zu „unmöglich“.

Die „Imbissbude im Steilhang“ war der Prototyp für eine Haltung, die sich durchzieht:

  • Schräge Ebenen, doppelt gekrümmte Flächen

  • Restflächen, die andere als „nicht nutzbar“ abschreiben

  • Die Frage: Was passiert, wenn wir genau dort ansetzen?

³L, Re-Use, radikale Verdichtung und der Umgang mit „unmöglichen“ Grundstücken – all das hat seine Wurzeln mit in diesem Projekt.


Für Studierende, Bauherr:innen, Investor:innen

Der Satz, der bleibt, ist brutal einfach:

Egal welche Story Ihr Grundstück hat, egal wie komplex Ihr Gebäude oder Ihre Idee ist – es gibt immer einen Weg. Vor, in und nach der Katastrophe.

Und jetzt?


Wenn Sie:

  • ein Grundstück mit Hanglage haben,

  • eine Fläche, die alle als „Rest“ betrachten,

  • oder ein Projekt, das auf den ersten Blick zu komplex wirkt,

dann wird es interessant.

ARCHITECTURE RADICAL - Pomberger beschäftigt sich genau mit diesen Situationen:
Kanten, Brüche, Hänge, Übergänge – räumlich, wirtschaftlich, sozial.

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